Wer zum ersten Mal einen koreanischen Königspalast besucht, entdeckt schnell, dass die Gebäude nicht nur durch ihre Architektur beeindrucken. Auch die Gemälde im Inneren erzählen Geschichten – und viele dieser Geschichten sind für Besucher aus Europa zunächst nicht leicht zu verstehen.
Ein besonders schönes Beispiel ist „Baekhakdo“ (백학도, 白鶴圖), das „Bild der weißen Kraniche“ im Daejojeon-Haus des Changdeokgung-Palastes in Seoul.
Das monumentale Gemälde wurde 1920 von dem koreanischen Maler Kim Eun-ho (김은호, 1892–1979) geschaffen. Es ist fast sechs Meter breit und wurde in Farbe auf Seide gemalt. Heute gehört es zum koreanischen staatlich registrierten Kulturerbe.
Doch was sehen wir hier eigentlich – und warum sind auf einem Wandgemälde eines Königspalastes so viele Kraniche zu sehen?

Ein Gemälde für den königlichen Palast
Um das Bild zu verstehen, muss man zunächst wissen, was das Gebäude bedeutete.
Der Changdeokgung-Palast war einer der wichtigsten Königspaläste Koreas. Das Daejojeon-Haus war ein besonders bedeutender Bereich des Palastes und stand in engem Zusammenhang mit dem königlichen Ehepaar.
1917 wurde der Daejojeon bei einem großen Brand zerstört. Beim anschließenden Wiederaufbau wurde auch die Innenausstattung neu gestaltet. In diesem Zusammenhang entstand 1920 das Gemälde „Baekhakdo“.
Das bedeutet: Das Bild ist kein mehrere hundert Jahre altes Gemälde, das schon immer an dieser Wand hing. Es wurde 1920 neu geschaffen.
Und genau das macht das Bild historisch interessant.
Denn obwohl es ein modernes Werk des frühen 20. Jahrhunderts ist, greift es auf eine sehr viel ältere Tradition der koreanischen Hofkunst zurück.

Sechzehn Kraniche in einer nächtlichen Landschaft
Auf dem großen Bild sehen wir sechzehn Kraniche, die sich über die Landschaft verteilen.
Einige fliegen gerade über das Wasser heran. Andere sitzen auf Kiefern, während wieder andere auf dem Boden stehen. Die Tiere befinden sich also nicht alle in derselben Haltung.
Dadurch wirkt die Szene lebendig.
Man hat nicht den Eindruck, dass sechzehn identische Vögel nebeneinander aufgereiht wurden. Jeder Kranich scheint seinen eigenen Moment zu haben: Einer breitet seine Flügel aus, ein anderer ruht auf einem Ast, ein weiterer steht aufmerksam in der Landschaft.
Im Hintergrund liegt eine dunkle, nächtliche Landschaft. Vor diesem dunklen Hintergrund erscheinen die hellen Körper der Kraniche besonders deutlich.

Warum sind Kraniche in Korea so wichtig?
Für einen europäischen Betrachter könnte der Kranich zunächst einfach ein schöner Vogel sein.
In der traditionellen koreanischen Kultur bedeutet er jedoch viel mehr.
Der Kranich ist ein Symbol für ein langes Leben und Langlebigkeit. Er gehört zu den Motiven, die in der koreanischen Kunst mit dem Wunsch nach einem langen und glücklichen Leben verbunden werden.
Eine wichtige Tradition ist die sogenannte „Sipjangsaeng“ (십장생, 十長生) – die „zehn Symbole der Langlebigkeit“.
Dazu gehören verschiedene Elemente der Natur, beispielsweise Sonne, Berge, Wasser, Wolken, Kiefern, Bambus, Kraniche, Schildkröten, Hirsche und der sogenannte „Pilz der Unsterblichkeit“.
Diese Dinge wurden nicht nur gemalt, weil sie schön waren. Sie standen für Wünsche wie Gesundheit, langes Leben, Beständigkeit und Glück.
Wenn ein koreanischer Königspalast also mit Kranichen und Kiefern geschmückt wurde, konnte dies gleichzeitig ein Wunsch für das Wohlergehen und ein langes Leben der königlichen Familie sein.

Nicht nur Kraniche: Ein ganzes System von Symbolen
Wenn man das Gemälde genauer betrachtet, entdeckt man, dass die Kraniche nicht allein vorkommen.
Auch Kiefern, Bambus, Felsen, Wasser und Yeongji, ein traditionelles Motiv, das häufig mit dem „Pilz der Unsterblichkeit“ in Verbindung gebracht wird, sind dargestellt.
Jedes dieser Elemente trägt eine Bedeutung.
Die Kiefer steht für Beständigkeit und ein langes Leben. Sie bleibt auch im Winter grün und wurde deshalb zu einem Symbol für Ausdauer und Unvergänglichkeit.
Der Bambus ist für seine gerade Wuchsform und seine Widerstandsfähigkeit bekannt und besitzt in der ostasiatischen Kunst ebenfalls eine starke symbolische Bedeutung.
Die Yeongji-Pflanze wiederum gehört zu den traditionellen Motiven, die mit Langlebigkeit und Unsterblichkeit verbunden sind.

Das Bild ist deshalb gewissermaßen ein visueller Glückwunsch.
Es sagt nicht mit Worten:
„Möge die königliche Familie lange, gesund und glücklich leben.“
Stattdessen lässt es Kraniche, Kiefern, Bambus, Wasser und andere Symbole diese Botschaft ausdrücken.
Und dann sind da noch die Pfingstrosen
Am unteren Rand des Bildes fallen besonders prächtige Pfingstrosen auf.
Auch die Pfingstrose hatte in der koreanischen Hofkultur eine besondere Bedeutung. Sie wurde mit Reichtum, Wohlstand und Schönheit verbunden.
Damit erweitert sich die Botschaft des Bildes noch einmal.
Die Kraniche wünschen ein langes Leben.
Die Kiefern und andere Pflanzen stehen für Beständigkeit und Langlebigkeit.
Die Pfingstrosen stehen für Wohlstand und Glück.
Zusammen entsteht ein ideales Bild vom Leben: lang, gesund, friedlich und wohlhabend.

Ein altes Thema in einem modernen Bild
Besonders spannend ist, dass dieses Bild im Jahr 1920 entstanden ist.
Das koreanische Königreich existierte zu diesem Zeitpunkt politisch nicht mehr. Korea war seit 1910 unter japanischer Kolonialherrschaft.
Trotzdem wurde im ehemaligen königlichen Palast ein Gemälde geschaffen, das ganz bewusst auf die Bildsprache der koreanischen Hoftradition zurückgriff.
Kim Eun-ho verwendete also alte Symbole, aber er malte sie mit den künstlerischen Mitteln seiner eigenen Zeit.
Man kann „Baekhakdo“ deshalb als eine Art Brücke zwischen Tradition und Moderne verstehen.
Es ist kein Gemälde aus der Joseon-Zeit. Gleichzeitig wäre es falsch, es einfach als ein modernes Landschaftsbild zu betrachten.
Es zeigt, wie stark die traditionelle Bildsprache der koreanischen Hofkunst noch im frühen 20. Jahrhundert weiterlebte.

Dieses Kunstwerk "Baekhakdo" als Leinwandbild oder als Poster entdecken
Kim Eun-ho: Tradition und neue Darstellung
Kim Eun-ho war ein bedeutender koreanischer Maler seiner Zeit.
In „Baekhakdo“ hält er sich an die traditionelle Symbolik, versucht aber gleichzeitig, die Tiere möglichst lebendig erscheinen zu lassen.
Besonders auffällig sind die unterschiedlichen Körperhaltungen und die Verwendung von Licht und Schatten.
Die Kraniche wirken dadurch nicht flach und unbeweglich. Ihre Körper haben Volumen, und ihre Bewegungen lassen sich beinahe nachvollziehen.
Auch die Natur ist sorgfältig beobachtet.
Die Nadeln der Kiefern, die Felsen, der Wasserlauf und vor allem die Blütenblätter der Pfingstrosen sind detailliert ausgearbeitet.
Das zeigt, dass Kim Eun-ho nicht nur mit traditionellen Symbolen arbeitete, sondern auch ein großes Interesse an der möglichst überzeugenden Darstellung der Natur hatte.
Ein kleines Detail verrät den Künstler
Wer genau hinsieht, entdeckt auf der linken Seite des Bildes eine Inschrift:
「金殷鎬謹寫」
Das bedeutet sinngemäß: „Von Kim Eun-ho ehrerbietig gemalt.“
Daneben befindet sich sein Siegel.
Bei einem so großen Wandgemälde ist es interessant, dass der Künstler auf diese Weise seine persönliche Spur hinterlassen hat.
Das Werk war für einen königlichen Raum bestimmt, aber gleichzeitig trägt es eindeutig die Handschrift eines einzelnen Künstlers.
Ein Vorgänger der Tradition
Interessanterweise gibt es Hinweise darauf, dass Kranichdarstellungen schon vor der Entstehung dieses Gemäldes mit dem Daejojeon verbunden waren.
Ein historischer Bericht erwähnt einen goldenen Paravent mit sieben Kranichen, der sich im Daejojeon befunden haben soll.
Das bedeutet jedoch nicht, dass dieser alte Paravent das heutige „Baekhakdo“ war.
Vielmehr zeigt es, dass Kraniche schon lange vor 1920 zur dekorativen Bildsprache königlicher Räume gehörten.
Kim Eun-ho griff also bei der Gestaltung des neuen Gemäldes auf eine bereits etablierte Tradition zurück.
Was sollte ein Besucher vor dem Bild also sehen?
Wenn man als europäischer Besucher vor „Baekhakdo“ steht, lohnt es sich, nicht nur auf die Schönheit der Kraniche zu achten.
Man kann das Bild auf mehreren Ebenen betrachten.
Zunächst sieht man eine beeindruckende Naturszene mit fliegenden Vögeln, Kiefern, Wasser, Felsen und Blumen.
Dann erkennt man die symbolische Ebene:
Der Kranich steht für ein langes Leben.
Die Kiefer steht für Beständigkeit und Langlebigkeit.
Die Pfingstrose steht für Wohlstand und Glück.
Und schließlich kommt die historische Ebene hinzu:
Das Gemälde entstand 1920 – in einer Zeit, in der die traditionelle koreanische Hofwelt bereits tiefgreifenden politischen und gesellschaftlichen Veränderungen ausgesetzt war.
Gerade diese Kombination macht das Werk so interessant.

Ein Wunsch, der in einem Bild weiterlebt
Vielleicht lässt sich „Baekhakdo“ am einfachsten als ein gemalter Wunsch nach einem guten Leben verstehen.
Die sechzehn Kraniche fliegen durch die nächtliche Landschaft. Die Kiefern bleiben aufrecht stehen. Das Wasser fließt weiter. Die Blumen blühen.
Nichts davon ist zufällig.
Die Natur wird hier zu einer Sprache.
Eine Sprache, die von Langlebigkeit, Gesundheit, Wohlstand, Frieden und Glück erzählt.
Und obwohl das Bild vor mehr als hundert Jahren entstanden ist, ist dieser Wunsch erstaunlich zeitlos.
Vielleicht ist genau das der Grund, warum man vor „Baekhakdo“ auch heute noch lange stehen bleiben kann: Man muss die koreanische Sprache nicht beherrschen und die Geschichte der Joseon-Dynastie nicht im Detail kennen, um die grundlegende Botschaft zu verstehen.
Ein langes Leben. Gesundheit. Glück. Frieden. Und die Hoffnung, dass all das für die Menschen, die man liebt, erhalten bleibt.

